50  Jahre  elektrischer Betrieb
 
 
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Berliner Zeitung vom 11. Januar 1951:
Seitenende
Wann fährt S-Bahn bis Königs Wusterhausen ?
Bis auf die Signale ist der Bau fertig / Unwürdige Zustände im Dampfbetrieb
Auf unserer Leserversammlung im Oktober in Eichwa1de trat die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit den Zuständen auf der Strecke Königs Wusterhausen - Grünau deutlich hervor. In den Ortschaften zwischen Grünau und Königs Wusterhausen und den Dörfern in unmittelbarer Nähe leben an die 100 000 Menschen, die an dem Zugverkehr nach Berlin stark interessiert sind. Viele Tausende dieser Menschen arbeiten in Berlin und befahren täglich die Strecke zur Arbeit und von der Arbeit. Seit der Spaltung Berlins ist die Strecke auch durch den Ausflugsverkehr der Bevölkerung des demokratischen Sektors, die nicht mehr in den Westen fährt, zusätzlich belastet worden. Nachdem die Abus-Werke Wildau jetzt im Fünfjahrplan zu einem der wichtigsten Werke der DDR werden und mehrere tausend Arbeiter zusätzlich dort Arbeit finden, die nicht alle in Wildau untergebracht werden können, wird die Strecke auch für den Berufsverkehr von Berlin für dieses Schwerpunktwerk gesteigerte Wichtigkeit erhalten.
Seit Monaten verfolgt die Bevölkerung ungeduldig und kritisch das langsame Fortschreiten der Bauarbeiten bei der E1ektrifizierung der Strecke Königs Wusterhausen - Grünau. Wie uns die Reichsbahndirektion Berlin mitteilt, ist nun die ganze Anlage bis auf die Signale fix. und fertig. Der Oberbau wurde erhöht, die Stellwerke gebaut, die Stromschienen gelegt, der Starkstrom fließt. Die erforderlichen Signale liegen in den Depots der Reichsbahn in den Westsektoren und werden dort von den Amerikanern festgehalten.
Bei Beginn der Elektrifizierungsarbeiten rechnete die Reichsbahndirektion mit diesen vorhandenen Sicherheitsanlagen und sie konnte dies mit vollem Recht, denn sie waren und sind ihr Eigentum. Die Zurückhaltung der Signale durch die Amerikaner widerspricht dem Potsdamer Abkommen und ist ganz offensichtlich eine Schikane gegen unseren friedlichen Aufbau. Ohne diese amerikanische Schikane würden die elektrischen S-Bahnzüge schon seit Wochen im 20-Minutenverkehr zwischen Spandau und Königs Wusterhausen verkehren.
In dieser Situation hat die Reichsbahndirektion dem volkseigenen Betrieb für Radio- und Fernmeldetechnik (RFT Köpenick) den Auftrag zum Bau neuer Signalanlagen gegeben. Dieser Auftrag war im vorjährigen Plan der RFT Köpenick nicht enthalten und das Werk hat anscheinend Schwierigkeiten, die zusätzliche Arbeit kurzfristig zu vollenden. Wir werden uns deshalb unverzüglich mit RFT Köpenick in Verbindung setzen, um zu untersuchen, welche Hilfe man dem Werk bei der Durchführung dieses im allgemeinen Interesse liegenden Auftrages leisten kann. Die Reichsbahndirektion Berlin erklärt, daß spätestens vier Wochen nach Lieferung der Signale der elektrische S-Bahn-Verkehr auf der Strecke bis Köniqs Wusterhausen aufgenommen werden kann. Das muß allerspätestens bis Ende des ersten Quartals erreicht werden.
Die Elektrifizierung der Strecke wäre gar nicht so brennend, wenn nicht die Verhältnisse bei dem jetzigen Dampfbetrieb, mit Verlaub zu sagen, untragbar wären. 

Was soll das heißen, daß heute im Jahre 1951, sechs Jahre nach Kriegsende. nach der erfolgreichen Durchführung des Zweijahrplans die Züge auf dieser überaus wichtigen Strecke unbeleuchtet und ungeheizt fahren. 
Wir möchten den Angestellten der Reichsbahndirektion empfehlen, gelegentlich in der Zeit von 18 bis 20 Uhr den Bahnhof Grünau zu besuchen, damit sie begreifen, was es für die Werktätigen bedeutet, nach der schweren Tagesarbeit in die dunklen und kalten Abteile zu steigen. Verspätungen auf dieser Strecke sind an der Tagesordnung. Täglich kommen viele Werktätige zu spät in ihre Betriebe, haben dort persönlich Ärger und dem Fünfjahrplan geht die Arbeit im Werte von Hunderttausenden Mark verloren. Im Berufsverkehr werden nicht genügend Züge eingesetzt, sie sind überfüllt, so daß es nicht selten vorkommt, daß Werktätige sich draußen an den Zügen bis Grünau festhalten müssen. Das sind Bilder von 1945/46, die wir heute nicht mehr sehen wollen.
Zugegeben, die Schwierigkeiten auf dieser Strecke sind nicht klein. Die zweigleisige Strecke Königs Wusterhausen - Grünau gehört zu den überlastetsten Strecken der Republik, über sie läuft der Güterverkehr, der Personenverkehr und der Vorortverkehr. Der Aufschwung der Wirtschaft mit seinem vergrößerten Warenumschlag hat dazu geführt, daß die Strecke immer mehr belastet und der Vorortverkehr immer komplizierter wurde. Tag und Nacht rollen ununterbrochen die Züge oft in Sichtweite voneinander auf dieser Strecke, so daß häufige Verspätungen verständlich sind. 
Trotzdem muß man von der RBD Berlin verlangen, daß sie im Berufsverkehr morgens und abends neue Züge einlegt, was durch sekundengenaue Verkehrsdisziplin erreicht werden kann. 
Den Stationsvorstehern in Grünau möchte man empfehlen, etwas mehr Entgegenkommen den Reisenden bei den Bescheinigungen von Zugverspätungen für die Betriebe entgegenzubringen. Eine andere Sache ist allerdings, ob man ihnen einen Vorwurf machen kann, daß sie die S-Bahnzüge in Richtung Stadt abfahren lassen, selbst wenn der Dampfzug aus Königs Wusterhausen einfährt, was häufig den Unwillen des Publikums erregt. Würden sie warten, bis die Reisenden von dem einen Bahnsteig auf den anderen in den S-Bahnzug eingestiegen sind, würden mindestens 3-4 Minuten vergehen, eine Verspätung, die im S-Bahnverkehr nicht tragbar ist, da dadurch die Anschlüsse in Ostkreuz und Papestraße verpaßt werden.
Keine Entschuldigung für die Reichsbahndirektion sehen wir dagegen für die fehlende Beleuchtung und Heizung der Dampfzüge. Die Beschaffung dieser elementaren Reisebedingungen ist eine Selbstverständlichkeit, die man von der RBD Berlin nun ohne jede weitere Verzögerung fordern muß - selbst für die letzten Tage, die die Dampfzüge auf dieser Strecke erleben.
Es gehört zu den Bereinigungsarbeiten, die wir zu Beginn des Fünfjahrplans durchführen, daß die Schadenstelle Königs Wusterhausen - Grünau schnellstens behoben wird. 
Dr. G.

Der Text entstammt der Berliner Zeitung vom 11. Januar 1951 !


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